Botschaft des Staates Israel in Berlin

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Rede von Minister Yossi Peled, Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 20.1.2012

24. Januar 2012 · Keine Kommentare · Holocaust

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, verehrte Anwesende,

mein Name ist Yossi Peled. Ich bin Minister in Israel und ehemaliger Generalmajor der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Aber heute steht nicht Yossi Peled vor Ihnen, kein Minister und kein ehemaliger Generalmajor der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte.

In diesem Haus, das einen der schrecklichsten Momente in der Geschichte der Menschheit gesehen, gehört und erlebt hat, in diesem Haus, dass so idyllisch an einem See liegt und in dem Millionen von Juden zum Tode verurteilt wurden, ist heute Jeffke Mendelewitsch zu Gast, der Sohn von Sheine und Yankel Mendelewitsch. Das bin ich – der kleine Jeffke, der die Shoah mit seinen eigenen Augen gesehen und ihre Schrecken erlebt hat. Die Jahre des schrecklichen Krieges habe ich als Kind in einem christlichen Kloster in Belgien erlebt. Jeden Tag in der Woche und in jedem Moment wusste ich, dass ich in Gefahr schwebte: Ich wusste, dass wenn mein Geheimnis entdeckt würde, ich im Rauch der Besatzer zum Himmel auffahren würde. Jeder Blick, jedes Mal, wenn ein Fremder mich ansprach, waren für mich wie ein Urteil, wie eine unendliche Reise in einem Zug, der nur in eine Richtung fährt. Das bin ich, der sich bekreuzigt hat, das bin ich, der Kleine, der die guten Kleider für den Kirchgang trägt, das bin ich, der die christlichen Gebete gelernt hat, um nicht anderes zu sein, um nicht in der immer kürzer werdenden Schlange ins Vernichtungslager zu stehen, an deren Ende ein deutscher Offizier nach rechts in den Tod weist und nach links in die Zwangsarbeit bis zum Tod. Und ich bin auch der Junge mit der Baskenmütze und den erhobenen Händen aus dem Warschauer Ghetto.

Freunde,

die Hand meines Vaters hat mich nie gestreichelt, meine Mutter, die aus der Hölle gerettet wurde, hat mich niemals umarmt. Meine Mutter wurde niemals von den Wunden des Schreckens geheilt, bis zu ihrem Tod haben sie das Gesehene, die Geräusche und die Gerüche begleitet, und mein Herz zieht sich zusammen – ich konnte ihr nicht die Hand reichen.

Das bin ich, Jeffke, der in seiner neuen alten Heimat aufgenommen wurde, im Land Israel. Aus Jeffke Mendelewitsch wurde Yossi Peled, und aus einem belgischen Jungen im Kloster wurde ich zum Soldaten mit der Kennnummer 459809 bei den Israelischen Verteidigungsstreitkräften. Jeder israelische junge Mann erinnert sich an den Tag seiner Einberufung als einen der bedeutendsten Tage in seinem Leben. Für mich war es ein Feiertag. Ich habe das Gewehr gehalten, ich habe die Uniform angezogen, und ich habe nicht aufgehört, an die Millionen zu denken, die in den Tod gegangen sind, auch – aber nicht nur – weil sie kein Gewehr in den Händen hatten.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, liebe Freunde,

dank dem Staat Israel, dank der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte befand ich mich, beinahe eine ganze Generation später, in einer Situation, in der ich mir die Gegenwart meiner

Eltern so sehr gewünscht hätte. Doch sie waren nicht bei mir. Ich wurde als Minister in der Regierung des Staates Israel vereidigt. Ich bin zur Vereidigung auf das Podium gestiegen, und ich habe im Publikum die liebenden Augen meiner Mutter gesucht, meinen Vater, der in diesem Moment stolz auf mich gewesen wäre. Doch sie sie waren weder hier noch an einem anderen Ort.

Der Holocaust an den europäischen Juden ist eines der wichtigsten Ereignisse, ja, meiner Meinung nach sogar das wichtigste Ereignis in der Geschichte des jüdischen Volkes der letzten 2000 Jahre. Nichts im Leben unserer Großeltern, Eltern und nichts in unserem eigenen Leben ist nach dem Holocaust geblieben, wie es war. Auch heute, 63 Jahre nach der Shoah, leben wir in ihrem Schatten, und der Ursprung all unserer Taten und Aussagen, liegt, ob bewusst oder unbewusst, in der schrecklichen Shoah. Der Staat Israel ist aus der Asche der Opfer der Shoah entstanden, und er hat seit dem Tag seiner Gründung geschworen, dass diese Hölle niemals wiederkehren wird. Zu unserem Glück haben Israel und Deutschland ihre Freundschaft über die Jahre vertieft. Heute ist diese Freundschaft so stark, dass sie durch nichts erschüttert werden kann.

Ich kann nicht anders, als hier, vor Ihnen, laut über den Abgrund nachzudenken, der sich auftut zwischen der Aussicht aus dem Fenster heraus – die Ruhe, das klare Wasser, die Bäume, das Grün darum herum – und der Entscheidung, die hier gefällt wurde, an diesem Ort, durch eine Gruppen von Menschen, die jede Menschlichkeit verloren hatten, Monster auf zwei Beinen, Massenmörder, die ein ganzes Volk in den Tod schicken wollten.

70 Jahre sind seitdem vergangen. Aber weder 70 noch 700 noch weitere Jahre lassen uns den Schrecken vergessen, und ich rufe Sie auf, als Angehörige des deutschen Volkes, sich mit uns gemeinsam zu erinnern und nie zu vergessen. Heute sehen wir, dass es wieder Antisemiten gibt, Neonazis, denen das, was damals geschehen ist, nicht genug war, sie wollen daran anknüpfen.

Von hier, aus dem Haus des Todes, möchte ich die freie Welt vor Ignoranz warnen, vor Blindheit, angesichts dessen, was geschieht und angesichts des erneut erstarkenden Antisemitismus. Wir, als Staat des jüdischen Volkes, werden unser Bestes tun, um den neuen Feinden entgegenzutreten, die gegen uns aufgestanden sind. Wir werden nicht das internationale Recht verletzen. Wir werden das Recht nicht in die eigenen Hände nehmen. Doch wir werden alles tun, um jeden Versuch, uns und unsere Brüder anzugreifen, zu verhindern. Das ist das Vermächtnis der Millionen, die infolge der Entscheidung gestorben sind, die hier gefällt wurde.

Als ich, vor vielen Jahren, bei den Israelischen Verteidigungsstreitkräften meine persönliche Kennnummer erhielt, die ich all die Jahre meiner Dienstzeit bis zur Ernennung zum Generalmajor trug, hatte ich immer meine jüdischen Brüder vor Augen, die eine ganz andere persönliche Nummer in den Arm eintätowiert bekamen, die sie auf ihrer letzten Reise begleitet hat. Auch jetzt, in diesem Moment, sehe ich vor meinem geistigen Auge die Millionen, die in den Tod gegangen sind.

Einer von diesen Millionen war mein Vater. Es war mir nicht vergönnt, an seinem Grab das traditionelle jüdische Gebet, den „Kaddish des Waisen“ zu sprechen, den ein Sohn am Grab seines Vaters spricht. Aus diesem Grund möchte ich, mit Ihrer Erlaubnis, Herr Bundespräsident, und mit der Erlaubnis der Anwesenden, zum Gedenken an meinen Vater und jene Millionen, hier, in diesem Haus, in dem über seinen und ihren Tod entschieden wurde, das Gebet sprechen, in den Worten aus dem Buch der Bücher.

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