Botschaft des Staates Israel in Berlin

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Alle Völker sind erfunden

6. Oktober 2010 · 4 Kommentare · Kommentar, Vermischtes

Von Benny Neuberger

Prof. Shlomo Sand zufolge gibt es kein jüdisches Volk, sondern nur eine jüdische Religion. So sei die Kennzeichnung „jüdisch“ in der Bestimmung des jüdischen Staates gänzlich religiös („Wie man zu einem Volk gehört“, Haaretz, 26.9.). In seinen Augen widersprechen sich die Konzepte von Religion und Nation oder haben zumindest nichts miteinander zu tun, und daher kann er die Tatsache nicht akzeptieren, dass viele den jüdischen Staat als Nationalstaat des jüdischen Volkes betrachten. Solch ein Staat kann ein säkularer Staat sein, in dem die Mehrheit der Bürger Juden sind („Judenstaat“), oder ein Staat, dessen Hauptcharakteristika nicht jüdisch-religiös sind, sondern national-jüdisch (hebräische Sprache, säkulare jüdische Kultur, Verbindung zu den historischen Wurzeln im Land Israel, Identifizierung mit der jüdischen Diaspora). Die meisten Juden in Israel sehen sich als Teil des jüdischen Volkes, und viele sind aus nationalen oder religiösen Beweggründen ins Land eingewandert.

Sand ignoriert, dass die Beziehung zwischen Religion und Nation bei vielen Völkern in unterschiedlichen Formen existiert. Es gibt eine enge Beziehung zwischen der arabischen Nationalität und dem Islam. Es stimmt, dass es auch christliche Araber gibt, aber ihre Stellung innerhalb der arabischen Welt ist problematisch und brüchig. Das griechisch-orthodoxe Christentum ist die Grundkomponente in der griechischen Nationalidentität. Auch das Türkentum ist muslimisch, und nicht neutral in religiöser Hinsicht. Die Serben, Kroaten und Bosnier unterscheiden sich in ihrer Religion, trotz ihrer sprachlich-kulturellen Nähe. Die Burmesen und Tibeter sind Buddhisten. In Sri Lanka verläuft der Konflikt zwischen den buddhistischen Singhalesen und den hinduistischen Tamilen. In Nigeria herrscht ein bitterer ethnischer Konflikt zwischen den muslimischen Haussa-Fulani und den christlichen Ibo. Auch die italienische, spanische und polnische Nationalidentität lässt sich nicht vom Katholizismus trennen, wenngleich es in diesen Völkern (wie unter den Juden in Israel) starke säkulare Strömungen gibt.

Sand spricht von einer „israelischen Nation“, ignoriert aber, dass die große Mehrheit der Juden in Israel sich selbst als Angehörige des jüdischen Volkes und die große Mehrheit der israelischen Araber sich selbst als Angehörige des palästinensischen Volkes oder der arabischen Nation betrachten. Die nationale Identität hat eine demokratische Dimension. Eine Person und eine Gruppe bestimmen ihre Identität nicht allein anhand „objektiver“ Kriterien wie Sprache oder Religion, sondern hauptsächlich anhand „subjektiver“ Kriterien – Bewusstsein, Emotionen, Solidarität, Ideologie. So wenig wie Golda Meir den Palästinensern ihre Identität vorschreiben kann („Es gibt kein palästinensisches Volk“), so wenig kann Sand den Juden Israels ihre Identität vorschreiben („Es gibt kein jüdisches Volk“).
Sand wurde jüngst mit der Behauptung berühmt, das jüdische Volk sei vom Zionismus erfunden worden. Auch in seinem Artikel spricht er von der „erfundenen Existenz“ des jüdischen Volkes. Wiederum vermeidet er einen vergleichenden Blick auf den Kontext, insofern alle Völker und Nationen auf die eine oder andere Weise erfunden wurden. Vor einigen Hundert Jahren gab es noch keine deutsche Nation – es gab Preußen, Bayern und andere. Auch in Frankreich war die dominante Identität bis Mitte des 19. Jahrhunderts lokal und regional, und nicht französisch. Als Italien 1860 vereinigt wurde, sagte der erste Ministerpräsident: „Nachdem wir Italien geschaffen haben, müssen wir nun ein italienisches Volk schaffen.“ Amerikanische, australische und kanadische Völker hat es vor 200 Jahren freilich auch noch nicht gegeben. Erfundene Nationen sind keine fiktiven Nationen; sie sind wirkliche Nationen.

Der Gegensatz, den Sand zwischen einem „jüdischen Staat“ und einer „israelischen Demokratie“ ausmacht, ist künstlich. Die Kennzeichnung „israelisch“ ist jüdisch, und daher kann ein jüdischer Staat auch eine israelische Demokratie sein. Ich stimme aber Sand darin zu, dass die Forderung Binyamin Netanyahus, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen, ein weiteres überflüssiges Hindernis auf dem Weg zum Frieden darstellt. In den Augen der ganzen Welt ist das Wort „Israel“ mit Juden verbunden. Jeder weiß, dass Israel der Staat des jüdischen Volkes ist. Das widerspricht der Tatsache nicht, dass es in Israel eine nationale arabische Minderheit gibt, der alle Rechte zustehen, die eine gute Demokratie garantiert.

Benny Neuberger ist Professor für Politische Wissenschaften an der Open University.

(Haaretz, 06.10.10)
Die im Blog veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder.

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4 Kommentare bisher ↓

  • „alles“ nur erfunden | schneespuren

    […] „alle völker sind erfunden“ beschäftigt sich benny neuberger mit der aussage von shlomo sand „das jüdische volk […]

    • Gabi

      Hallo,
      tatsache ist, es sind Nationen entstanden und ein jüdische Statt Israel für alle Juden der Welt.
      Der Zionismus hat sehr viel dazu Beitrag geleistet und jüdische Religion ( „be Shana habha be Jerushalijim“ ) Gott sei dank das Statt Israel existiert.
      Gott behüte(Oj va voj lanu )wenn das jüdische Statt Israel für alle Juden der Welt nicht mehr existiert wird, das Dispora für Juden wird gelöscht ich bin überzeugt das Juden werden
      noch mehr verfolgt als Beispiel „Zigeuner“ von heute oder Afrikanische Minderheiten in Afrika oder andere Minderheiten der Welt.

  • Emiliani

    Sie sind immer so gutmütig und schalten die Kommentare frei – hier vielleicht ein Beitrag, um das Ganze noch etwas zu verkomplizieren; ich gebe zu, ich liebe es, einen akribischen Blick auf’s Detail zu werfen, manch scheinbar Selbstverständliches ist bei näherer Betrachtung dann doch ein wenig anders. Copyright der Passage ist meines – aber es macht mir wirklich nichts aus, wenn Sie sich dafür entscheiden, es nicht freizuschalten.

    Der Zusammenhang war wissenschaftlich und zeitlich auf das späte Mittelalter ausgerichtet – also eine Möglichkeit, mich auf die Moderne bezogen etwas aus „dem Schneider“ herauszureden:

    Zitatanfang:
    „Kaufmannsdiasporas im östlichen Mittelmeerraum 1200-1450 n. Chr.“ umschreibt den Rahmen des zur Erforschung anstehenden Projektes gleich in mehrfacher Hinsicht, ebenso geographisch, zeitlich wie auch inhaltlich.
    Jüdische, persische, venezianische, byzantinische Handelsgemeinschaften des östlichen Mittelmeerraumes sowie im Mamlukenreich des Spätmittelalters sind hier im Focus des Interesses, mit spezieller Konzentration auf die Stellung dieser Handelsgesellschaften zwischen dem lateinischen Europa, dem islamischen Orient, Byzanz und den instituionellen Bedingungen, die diesen transkulturellen Handel quasi begleiteten. (…).

    „Wer sind eigentlich die Juden? Es gibt eine einfache Antwort auf diese Frage, und die ist: Das weiß niemand.“ (Rabbiner Walther Rothschild, 99 Fragen zum Judentum. Gütersloh, 2001, S. 7).
    Im Laufe seiner weiteren Ausführungen erklärt Rabbiner Rothschild diese zunächst recht erstaunlich wirkende Antwort, indem er verschiedene Ansätze einer Definition nennt und sie gleich selbst widerlegen kann:
    Erster Ansatz:
    sie sind eine Religion – dann wären Juden, im Sinne dieser Definition, diejenigen, die an eine Religion „Judentum“, Jahadut glauben; dies bedeutet, auch wenn es verschiedene Ausprägungen dieser Religion gibt, so teilen sie alle jedoch wesentlich den Glauben an den Einen Gott – er ist einzig, allumfassend – an Gott als den Schöpfer aller Dinge – es gibt also außer Gott keine Macht im Weltall, daran, daß Gott ein besonderes Volk ausgewählt und einen Bund mit diesem Volk geschlossen hat, durch den es zusätzliche Verantwortlichkeit trägt – festgelegt als Gebote, Mizwot, die für die übrige Welt nicht verpflichtend sind – daran, daß diese Gebote die Art und Weise des Gottesdienstes bestimmen, den Kalender bestimmen mit Festen und Tagen der Ruhe, schließlich die Beziehung der Menschen untereinander bestimmen, also Nahrung, Heirat, Umgang mit Tieren und Landwirtschaft, und das besondere Verhältnis zu Israel und Jerusalem.
    Ein Jude wäre demnach eine Person, die dies glaubt.
    „Aber – es gibt viele, die das nicht tun und doch immer noch Juden sind!“ (Rabbiner W. Rothschild, ebd., S. 7).
    Zweiter Ansatz:
    sie sind eine Gruppierung, eine Gesellschaft – dann wären Juden diejenigen, die einer bestimmten, also auch lokal klar als abgegrenzt erkennbaren Gemeinschaft angehören, etwa in bestimmten Stadtteilen oder in bestimmten Städten, und dort ihrer bestimmten, den Mizwot gemäßen Lebensführung nachgingen.
    Ein Jude wäre hier demnach eine Person, die dies tut.
    „Aber – es gibt viele, die das nicht tun und doch immer noch Juden sind!“ (Rabbiner W. Rothschild, ebd., S. 9).
    Dritter Ansatz:
    sie sind eine Rasse oder Volksgruppe – dann wäre ein Jude jemand, der in eine jüdische Familie hineingeboren ist und sozusagen damit „jüdische Gene“ trägt; eine solche Person wäre demnach an bestimmten Äußerlichkeiten erkennbar, wie Hautfarbe, Kopfform, Augenform, Nasenform.
    „Aber (…) es gibt Juden aller möglichen verschiedenen Erscheinungsbilder (…) und es ist möglich, zum Judentum zu konvertieren.“ (Rabbiner W. Rothschild, ebd., S. 8).
    Vierter Ansatz:
    sie sind eine geistige Bildung – dann wäre ein Jude jemand, der „jüdische Musik“ macht oder komponiert, „jüdische Kunst“ ausübt oder erschafft, „jüdische Witze“ erzählt oder erfindet u. v. m.
    „Aber es gibt Juden, die sie (zu erg.: die jüdischen Witze, Kunst, Musik) nicht mögen; es gibt Nichtjuden, die diese Themen bearbeiten.“ (Rabbiner Rothschild, ebd., S. 8).
    Fünfter Ansatz:
    Sie sind eine Nationalität – dann wiederum wäre ein Jude jemand, der in einem jüdischen Staat lebt.
    „Aber es gibt tatsächlich viele Israelis, die jetzt außerhalb Israels leben und die diesen Glauben – genannt „Zionismus“ nicht teilen, nämlich daß der Platz für alle Juden im Lande Zion ist.
    Daher ist auch dies eine Fehldefinition.“ (Rabbiner W. Rothschild, ebd., S. 9).
    Damit der unerwarteten Ernüchterung noch nicht genug, fährt Rabbiner Rothschild fort in seiner Methode, hier aus seiner vernünftigen Darlegung heraus gerade deshalb keine Antwort geben zu können, sondern im Gegenteil noch mehr Fragen zu entdecken: „Am Ende bleibt uns nur eine Mischung aus widersprüchlichen und unsystematischen Definitionen übrig. Gemäß dem jüdischen Gesetz ist ein Jude jemand, der von einer jüdischen Mutter geboren wurde, oder jemand, der zum Judentum übergetreten ist. …Aber was ist, wenn die Mutter zu einer anderen Religion übergetreten ist? Was ist, wenn die Person selbst zu einer anderen Religion übertritt? Was ist, wenn es keinen wirklichen Beweis dafür gibt, daß die Mutter jüdisch war?“ (Rabbiner Rothschild, ebd., S. 10).
    Unversehens also hat sich der Boden als trügerisch erwiesen, und dies bereits an Stellen, die man fest und sicher wähnte…
    Zitatende.

  • Wo hat sich der Tantrismus entfaltet? | Religion24

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