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Der dunkle Zauber des Moshe Dayan

26. Oktober 2011 · 2 Kommentare · Allgemein, Geschichte, Politik

Von Yechiam Weitz

Der letzte Auftritt Moshe Dayans in den Medien erfolgte am 6. Oktober 1981 – am Tag der Ermordung Anwar Al-Sadats. Die verblüfften Zuschauer sahen einen kranken, beinahe auf Haut und Knochen abgemagerten Dayan. Nichts erinnerte noch an den charmanten Mann, dem nicht wenige Frauen ins Netz gegangen waren (nicht umsonst hatte ihn Yeshayahu Leibowitz einmal als „alternden Playboy“ bezeichnet). Zehn Tage später verstarb er mit 66 Jahren – verbittert, verärgert und beinahe blind. 30 Jahre später wird seines Todestages in allen Zeitungen mit großen Artikeln gedacht.

Die so intensive Beschäftigung mit diesem Mann wirft die Frage auf, warum sein Todestag für ein so großes Echo und so große Emotionen sorgt. Im Laufe der Jahre sind viele Mitglieder seiner Generation von uns gegangen, deren Biographien nicht weniger beeindruckend waren als die seine – Söhne des Landes, die im Palmach oder in der Hagana gekämpft haben, die wichtigen Anteil am Unabhängigkeitskrieg hatten, an die Spitze der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (ZAHAL) gelangten und danach in die Politik wechselten, die wichtige politische Ämter bekleideten und nicht an die Spitze der Pyramide, das Ministerpräsidentenamt, gelangten. Besonders herausragende Beispiele sind hierfür Yigael Yadin und Yigal Allon – der „siamesische Zwilling“ Dayans. Allon starb Anfang 1980, und vor anderthalb Jahren, zu seinem 30. Todestag, wurde dieses Datum fast gänzlich ignoriert.

Ein zentraler Grund für all das ist, dass die Lebensgeschichte von Moshe Dayan außergewöhnlich und spannend ist. Er war ein „mythologischer Zabar“, und Teil der „ersten erlösten Generation“: Seine Eltern waren mit der Ersten Aliya ins Land gekommen, er selbst wurde nicht nur im Land sondern auch noch im Kibbutz Deganya geboren – dem ersten Kibbutz überhaupt – und wuchs in Nahalal, dem ersten Moshav auf. 1941 wurde er bei einer britischen Militäroperation im Libanon verletzt und verlor sein linkes Auge. Seitdem trug er eine schwarze Augenklappe, die zum Markenzeichen werden sollte – nicht nur für ihn sondern für den Staat Israel weltweit. Auch heute, eine ganze Generation nach seinem Tod, kennen die Menschen in der Welt „die Augenklappe von Moshe Dayan“.

Moshe Dayan

Im Unabhängigkeitskrieg befehligte er die Komandoeinheit 89, die die Städte Lod und Ramle eroberte, und wurde für seinen Mut und seine Tapferkeit berühmt. Ben-Gurion, der ihn bewunderte und seine Streiche stets deckte, beförderte ihn mit geradezu astronomischer Geschwindigkeit (in nur fünf Jahren wurde er vom Major zum Generalleutnant) zum vierten Obersten Befehlshaber von ZAHAL. In der Kabinettssitzung, in der seine Ernennung diskutiert wurde, sparte Ben-Gurion nicht an Lob: „Im Befreiungskrieg hat er sich als einer der tapfersten Krieger erwiesen, er hat Ramle erobert. Er verfügt über ein militärisches Denken, umfassende analytische Fähigkeiten und großes Führungspotential“.

Im Sinai-Krieg dann wurde er zum „Militärischen Führer des Sieges“, zum nationalen Helden und weltweit bekannten Figur. Zehn Jahre später, nach dem Sechs-Tage-Krieg, wurde er, nach einem umstrittenen politischen Kampf, in den er selbst nicht verwickelt war, zum Verteidigungsminister ernannt. Dayan, der weit davon entfernt war, ein Heiliger zu sein, wurde hier zum Heiligen gemacht, während andere für ihn die Arbeit machten. Den Ruhm des Sieges stahl er dabei zwei anderen: einerseits dem Generalstabschef Yitzhak Rabin und vor allem von seinem Vorgänger als Verteidigungsminister, Levi Eshkol.

Nach dem Sieg im Sechs-Tage-Krieg war er in den Augen der Öffentlichkeit eine Art Prinz. Um ihn gab es einen Personenkult, wie man ihn vor ihm und auch nach ihm in Israel nicht erlebt hat, nicht mal um Persönlichkeiten wie David Ben-Gurion, Golda Meir oder Menachem Begin. Sein Portrait prangte auf Fahnen zum Unabhängigkeitstag und tauchte auf Neujahrsgrüßen auf. Er hielt Vorträge in riesigen Hallen vor einem Publikum, das durstig an seinen Lippen hing. Man verzieh ihm seine Eskapaden – den offenen Raub von Altertümern, das wilde Schürzenjägertum und die grenzenlose Profitgier.

Im Yom-Kippur-Krieg wurde er vom Göttersohn zum Gott der enttäuscht hat. Schuld waren die Überraschung angesichts des Kriegsausbruchs, das Scheitern, die Bilder von den Kriegsgefangenen, doch vor allem die schwerwiegenden Nachrichten von seiner Amtsführung als Verteidigungsminister – die Hiobsbotschaften, die er verbreitete und sein problematisches Verhalten angesichts des vorbildlichen Verhaltens der „Alten Dame“, Ministerpräsidentin Golda Meir. Die Geschichte vom „Aufstieg und Fall des Moshe Dayan“ ist nicht nur eine lokale Geschichte sondern eine Oper Wagnerischen Zuschnitts. Auch der Schlussakkord seines Lebens ist noch spannend – Dayan, der „Aussätzige“, überquerte alle politischen Linien und schloss sich der Regierung von Menachem Begin an, um das Friedensabkommen mit unserem größten Feind, Ägypten, voranzubringen. Er war damals bereit, den gesamten Sinai für den Frieden zurückzugeben.

Im Guten wie im Schlechten, in unserer Galerie der Persönlichkeiten gibt es keine Figur, die so spannend ist wie Moshe Dayan.

Der Autor ist Professor für Geschichte an der Universität Haifa.

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