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Arabischer Frühling oder Aufschwung des Islamismus?

7. November 2011 · Keine Kommentare · Allgemein, Arabischer Frühling, Politik, Sicherheit

 

Von Benny Morris

Die Aufstände in Tunesien und Ägypten Anfang 2011 lösten eine Welle des Aufruhrs in der arabischen Welt aus, die schnell als „arabischer Frühling“ bezeichnet wurde. Enthusiasten im Westen huldigten der neugewonnen Freiheit eines großen Teils der Menschheit, der jahrhundertelang in despotischer Dunkelheit leben musste. Doch in fünfzig oder hundert Jahren sehen die Historiker die Ereignisse in Teheran 1979 (die islamische Revolution, die den Schah stürzte) vielleicht als den wahren Auslöser des so genannten Frühlings. Der Wahlsieg der islamistischen Hamas bei den Wahlen 2006 und die bewaffnete Übernahme des Gazastreifens durch eben jene Organisation im folgenden Jahr könnten als weitere Wegmarken auf demselben Pfad verstanden werden.

Denn die Entwicklungen der vergangenen Wochen haben eine klare Botschaft gesendet: Dass das wichtigste Resultat des „arabischen Frühlings“ – zumindest kurz- und mittelfristig, und ich befürchte ebenfalls auf lange Sicht – eine beschleunigte Islamisierung der arabischen Welt ist. Im Maschriq – den östlichen arabischen Ländern, einschließlich Syrien, Saudi-Arabien und Irak – ist noch nichts entschieden (obwohl die jüngsten Ereignisse in den palästinensischen Gebieten und Jordanien nicht unbedingt Mut machen). Doch im Maghreb – den westlichen arabischen Ländern von Ägypten zur Atlantik-Küste – ist die Entwicklung offensichtlich.

In Tunesien hat die islamistische al-Nahda Partei bei den ersten freien Wahlen des Landes klar gewonnen und damit 90 der 217 Sitze in der Versammlung inne, die in den kommenden Monaten die politische Zukunft des Landes planen soll. Spekulationen darüber, ob die Partei „moderat“ islamistisch sei, wie ihr Führer Rachid Ghannouchi stets betont, oder ob sie durch eine schleichende Islamisierung letztlich die Scharia über Tunesien verhängen will, sind nebensächlich. Die Islamisten haben gewonnen, mühelos und entgegen aller anfänglichen Vermutungen, in einem Land, das als das „westlichste“ und säkularste Land in der arabischen Welt galt. Religions- und Gedankenfreiheit sind nicht unbedingt Grundlagen der islamistischen Ideologie und es sei dahingestellt, ob die tunesische „Demokratie“ diese Wahl überleben wird.

Östlich davon, in dem tribalen Trümmerhaufen Libyen, scheinen die islamistischen Gruppierungen als stärkste Kraft aus dem Untergang des Gaddafi-Regimes hervorzugehen. In den kommenden Wochen und Monaten sehen wir höchstwahrscheinlich eine Entwicklung hin zu Wahlen, bei denen die Islamisten einen weiteren Sieg davontragen werden.

Das gleiche entsteht aus dem weitaus wichtigeren Aufstand in Ägypten, dem östlichen Nachbarn Libyens, das mit seinen 90 Millionen Einwohnern das demographische, kulturelle und politische Zentrum der arabischen Welt darstellt und häufig als Indikator für die dortigen Entwicklungen dient. Das brutale Vorgehen gegen koptische Christen, die gegen die Zerstörung einer Kirche demonstrierten, war wie ich befürchte, nur ein Vorgeschmack auf die Dinge, die noch kommen werden. Alle Meinungsumfragen prognostizieren, dass die islamistische Muslimbruderschaft – die für die Anwendung der Scharia und die Zerstörung Israels eintritt – als die stärkste politische Partei des Landes aus den Parlamentswahlen im nächsten Monat hervorgehen wird, vielleicht sogar mit einer klaren Mehrheit.

Die Halbinsel Sinai, die an Israel und den Gazastreifen grenzt, ist nach dem Fall Mubaraks zu einer gesetzlosen, von Islamisten beherrschten Region geworden. Das ägyptische Gesetz gilt höchstens noch in den nord-östlichen (El Arish-Rafah) und süd-östlichen (Sharm el-Sheikh) Randgebieten. Das Innere der Halbinsel befindet sich mittlerweile fest im Griff von Islamisten und bewaffneten beduinischen Schmugglern. Der Sinai hat sich zu einem der zentralen Außenposten für den iranischen Waffenschmuggel in den von der Hamas kontrollierten Gazastreifen entwickelt.

Für mehrere Monate wurden die Gaslieferungen aus Ägypten nach Israel (und Jordanien) unterbrochen, da das Militär nicht in der Lage war, die Sabotage-Akte durch Islamisten und Beduinen zu unterbinden. Die Unterbrechung der Gas-Exporte – letztendlich eine Verletzung internationaler Handelsabkommen durch Ägypten – bedeutet, dass Israel hunderte Millionen Dollar für Flüssigbrennstoff ausgeben musste, um sein Elektrizitätsnetz am Laufen zu halten. (…)

Die Stoßrichtung ist klar. Nach dem Austausch zur Freilassung von Gilad Shalit zwischen Israel und der Hamas könnte die Region weiter auf gewalttätige Zeiten zusteuern. Diese Gewaltzunahme wäre fester Bestandteil der sich ausbreitenden Islamisierung der Region – sowohl in Bezug auf den antizionistischen islamistischen Ethos als auch die konkreten Entwicklungen vor Ort wie beispielsweise massive Waffenschmuggel-Operationen, die dem Fall Gaddafis folgten. Insofern hat der arabische Frühling sowohl Islamisierung als auch Chaos gebracht (und die Islamisierung profitiert stark von dem Übergangschaos). Gewöhnliche Schmuggler arbeiten mit Islamisten zusammen, um Gaddafis Waffenvorräte zu plündern, und die Schwarzmärkte für Waffen sind überflutet mit Grad-Raketen und relativ fortschrittlichen Flugabwehr-Raketen. Israelische Geheimdienstquellen berichten, dass viele dieser Waffen vor Kurzem ihren Weg über die Sinai-Halbinsel in den Gazastreifen gefunden haben. Eine Flugabwehr-Rakete wurde kürzlich bei einem Gefecht an der israelischen Grenze zum Sinai auf einen israelischen Hubschrauber abgefeuert.

All diese Entwicklungen deuten auf einen Trend im Nahen Osten hin, der weit von dem entfernt ist, was sich viele westliche Idealisten erhofft haben, als sie den Begriff „Arabischer Frühling“ prägten. Dieser Trend könnte weltweit schwerwiegende Veränderungen der Beziehungen zwischen dem Westen und der muslimischen Welt nach sich ziehen.

(National Interest, 3. November 2011)

Benny Morris ist Professor für Geschichte in der Abteilung für Nahost-Studien an der Ben Gurion Universität.   

 

Die auf dem Blog veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder, sondern bieten einen Einblick in die politische Diskussion in Israel.

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