Botschaft des Staates Israel in Berlin

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„Diese Frauen und Männer sind wie Leuchtfeuer in der tiefsten Finsternis“

22. Januar 2015 · Keine Kommentare · deutsch-israelische Beziehungen, Holocaust, In eigener Sache

Die beiden Berliner Frieda Szturmann und Max Naujocks wurden in einer Feierstunde in der Residenz des Botschafters posthum von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Botschafter Yakov Hadas-Handelsman überreichte den Angehörigen der Ausgezeichneten die Yad Vashem-Urkunden und Medaillen. Frieda Szturmann und Max Naujocks versteckten in der Zeit der deutschen Naziherrschaft verfolgte Juden und retteten ihnen so das Leben.

Dieter Szturmann, Enkel der „Gerechten unter den Völkern“ Frieda Szturmann.

Dieter Szturmann, Enkel der „Gerechten unter den Völkern“ Frieda Szturmann.

Der Botschafter begrüßte zunächst herzlich die Familien der Ausgezeichneten und der Geretteten und sagte:

„Die Tage, an denen wir die „Gerechten unter den Völkern“ ehren, sind besondere Tage. Und die Menschen, die wir ehren, sind besondere Menschen.

Für den Staat Israel und für das jüdische Volk sind die „Gerechten unter den Völkern“, diese mutigen Frauen und Männer, wie Leuchtfeuer in der tiefsten Finsternis.

An Tagen wie heute erinnern wir daran, dass es in den dunkelsten Stunden des jüdischen Volkes Menschen gab, die alles riskierten – ihren Besitz und sogar ihr Leben – um andere Menschen zu retten.“

Von links: Gisela Kleina und Irmhild Schulzki, Töchter des „Gerechten unter den Völkern“ Max Naujocks, mit Botschafter Yakov Hadas-Handelsman

Von links: Gisela Kleina und Irmhild Schulzki, Töchter des „Gerechten unter den Völkern“ Max Naujocks, mit Botschafter Yakov Hadas-Handelsman

Die Historikerin Dr. Beate Kosmala von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand schilderte eindrücklich die Situation der Jüdinnen und Juden in Berlin in den letzten Kriegsjahren. Etwa seit dem Sommer 1942 sei die Ermordung der Juden „im Osten“ ein „offenes Geheimnis“ gewesen, was immer mehr jener Verfolgten, die dazu überhaupt gesundheitlich und finanziell in der Lage gewesen seien, zu der dramatischen und angstbesetzten Entscheidung brachte, in den Untergrund zu gehen. Gerade für Mütter und Väter mit ihren Kindern sei dieses oft jahrelange Verstecken sehr kompliziert gewesen.

Die Helfer der Verfolgten und ihre Motive seien vielfältig und schwer zu bestimmen, so Dr. Kosmala. Sie verbinde jedoch das erhebliche Risiko, das sie durch ihren mutigen Einsatz eingingen: „Wer daher einen Juden versteckte oder ihm auf andere Art half zu überleben, zielte gegen die nationalsozialistische Ideologie im Kern. Unter dieser Voraussetzung ist die Hilfe für verfolgte Juden als eminent wichtige Widerstandshandlung anzusehen. […] Die „Gerechten“ und ihre Geschichten zeigen, dass auch ein ganz anders Handeln möglich war, dass Menschen eine Wahl hatten und haben – auch unter der Bedingung von Diktatur und Besatzung.“

Max Naujocks; Foto: Archiv Yad Vashem

Max Naujocks; Foto: Archiv Yad Vashem

Die Rettungsgeschichten

Als Ende Februar 1943 die letzten noch in Berlin verbliebenen Juden verhaftet und deportiert wurden, traf die Familie Weiß, Moritz und Regina mit ihrer 9-jährigen Tochter Ellen, die Entscheidung, in den Untergrund zu gehen. Das befreundete Ehepaar Max und Hertha Naujocks, einer konvertierten Jüdin, lebte mit den eigenen Kindern in einer Laube in Berlin-Malchow, wo sie die Familie Weiß versteckten und versorgten, auch nachdem die Laube bei einem Bombenangriff im Januar 1944 schwer beschädigt wurde und der Sohn Fritz Naujocks tödlich verletzt wurde. Im Juni 1944 wurde Moritz Weiß verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Im Gegensatz zu seiner Frau und seiner Tochter überlebte er die Shoah nicht.

Botschafter Yakov Hadas-Handelsman übergab den beiden Töchtern des geehrten Retters Max Naujocks, Gisela Kleina und Irmhild Schulzki, stellvertretend für ihren verstorbenen Vater Medaille und Urkunde von Yad Vashem.

Frieda Szturmann; Foto: Archiv Yad Vashem

Frieda Szturmann; Foto: Archiv Yad Vashem

Die zweite Geehrte, Frieda Szturmann, versteckte in den letzten Kriegsjahren die beiden Jüdinnen Anna Boros und ihre Großmutter Cecile Rudnik. Vermittelt wurde dieses Versteck durch einen weiteren „Gerechten“, den Ägypter Dr. Mohamed Helmy, der als Medizinstudent nach Deutschland gekommen war und sich dort niedergelassen hatte. Er ist der erste arabische Retter, der diesen Ehrentitel verliehen bekam. Dr. Helmys organisierte das Versteck bei seiner Freundin Frieda Szturmann, die sich mit gelegentlicher Heimarbeit über Wasser hielt. Ihr Enkel Dieter, der die Urkunde für seine Mutter entgegennahm, erinnert sich, dass seine Großmutter in einem kleinen Haus in Staaken in Berlin-Spandau lebte. Trotz der beengten Verhältnisse, trotz des Risikos, entdeckt zu werden und trotz der Lebensmittelknappheit zögerte sie nicht, Cecile und ihre Enkelin aufzunehmen.

Die Tochter von Anna Boros, Carla Greenspan, war extra für die Feierstunde aus den USA angereist. In ihrer Rede sagte sie: „Ich bin Carla Greenspan, eine Jüdin, die mit ihrer Familie und mit Freunden in den USA lebt, in einem Land, das für seinen Charakter als Schmelztiegel bekannt ist, und wo es zum Glück Freiheit und Akzeptanz aller Ethnien, Religionen und Nationalitäten gibt.
Meine Mutter Anna, meine Großmutter Julia, mein Stief-Großvater George und meine Urgroßmutter Cecelia hatten nicht so viel Glück wie ich. Sie lebten in Berlin während der dunklen Terror-Zeit des Aufstiegs der Nazis. […]

Auch wenn viele Jahre vergangen sind, bin ich glücklich, dass Frieda Szturmann endlich als eine Frau anerkannt wird, die sich in den dunkelsten Zeiten gegen das Böse gestellt hat, um meiner Familie zu helfen. Sie wollte nicht entsprechend der hasserfüllten Überzeugungen anderer leben. Stattdessen folgte sie ihrem Herzen und riskierte ihr eigenes Leben, um andere zu retten. Wenn es Frieda Szturmann nicht gegeben hätte, wäre wahrscheinlich die Linie meiner Familie gekappt worden, und ich würde nicht am Leben sein und hier heute zu Ihnen sprechen können.“

Von links: Gisela Kleina und Irmhild Schulzki, Töchter des „Gerechten unter den Völkern“ Max Naujocks, Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, Dieter Szturmann, Enkel der „Gerechten unter den Völkern“ Frieda Szturmann, Carla Greenspan, Tochter der Geretteten Anna Boros-Gutman, Barry Greenspan, ihr Ehemann.

Von links: Gisela Kleina und Irmhild Schulzki, Töchter des „Gerechten unter den Völkern“ Max Naujocks, Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, Dieter Szturmann, Enkel der „Gerechten unter den Völkern“ Frieda Szturmann, Carla Greenspan, Tochter der Geretteten Anna Boros-Gutman, Barry Greenspan, ihr Ehemann.

(Botschaft des Staates Israel, 22.01.15)

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